Die FAZ hat sich gestern in einem großen Artikel den Reisebloggern gewidmet. So ganz mag ich viele Dinge einfach nicht glauben und sollte man mal ein wenig kritisch beleuchten …

Stepanzminda1

Gestern gab es einen riesigen Beitrag der FAZ über Reiseblogs. Wie kann man das finanzieren? Wieviele Leute lesen das? Was sind die besten Reiseblogger? Ich finde es immer wieder spannend, wenn Medien große Themen aufgreifen, nicht in die Tiefe gehen und Halbwahrheiten glauben. Genial waren die NTV Berichte über kostenlose Etihad Residence First Flüge: NTV glaubt die 104 USD Etihad First Residence Story :DDDD

NTV hat wirklich berichtet, man könnte um 104 USD Etihad Residence fliegen. Die unglaubliche Anzahl der eingesetzten Meilen haben sie und der Blogger mit den fragwürdigen Artikeln verschwiegen. Residence Flüge um 104 USD gibt es einfach nicht. Meilen haben einen Wert. Jetzt aber geht es um die FAZ und den Bericht über die Reiseblogger Szene.

Der ganze FAZ Artikel hier: Dauerpräsent und hypersubjektiv

Ich kann da relativ locker über die Reiseblogger Szene schreiben, weil ich ja scheinbar kein Reiseblogger bin. Interessanterweise werde ich nicht als Reiseblogger wahrgenommen und immer wieder als Nicht-Reiseblogger zurückgestellt. Es stört mich nicht wirklich, aber finde ich mal spannend. Wer meinen Irrsinn hier verfolgt, wird möglicherweise ein anderes Bild haben :DDD

Jeder ist größer, besser und Deutschlands erfolgreichster Blog

Die FAZ hängt den Artikeln an einigen Reiseblogs auf. Da wirft die Autorin die Superlative raus:

“… ist zurzeit eines der erfolgreichsten deutschen Reiseblogs.”
“… unter den fünf erfolgreichsten Deutschlands.”
“Dann machte sie sich mit ihrem Blog selbständig, jetzt bekommt sie so viele Reiseangebote, dass sie die meisten absagen muss.”
“… mit einer Gesamtreichweite von zwanzig Millionen Nutzern eine der erfolgreichsten Bloggerinnen Europas.”

20 Millionen Nutzer oder erfolgreichster Blog Deutschlands, das sind mal Ansagen. Naja schauen wir uns das mal ein wenig genauer an. Die Bewertung der Reichweite ist heute gar nicht so ein problematisches Thema. Similarweb.com ist ein bewährtes Tool. Es ist nicht ganz genau, aber verschätzt sich nicht um Zehnerpotenzen. Bei Pages als Teil einer Hauptseite (wie z. B. hier) ist Similarweb nicht ganz korrekt. Die Hauptseite verzerrt den Traffic. Bei vollständigen Seiten trifft Similarweb durchwegs, um Zehnerpotenzen liegt es sich nicht falsch. Die Pages haben schon eine Größe, aber 20 Millionen hat Similarweb leider nicht auf dem Schirm.

“An den Texten verdient sie nichts …”

Bei vielen Reisebloggern – wie auch bei den Lifestyle Bloggern – fällt das Fehlen von Werbung auf. Es werden redaktionelle Artikel mit Product Placement geschalten, aber klassische Bannerwerbung sucht man vergebens. Da komme ich ein wenig ins Grübeln. Hat man 20 Millionen Nutzer, ist das ja fahrlässig auf der Page keine Werbung zu platzieren. Man verliert da locker einige tausend Euro pro Monat. Warum lässt man dieses Geld einfach ziehen? Das ist schon irgendwie seltsam, verwundert mich und würde ich so nicht machen. Von diesem Blog hier könnte man rein von der Werbung leben. Warum es in dieser Szene ein komplettes Fehlen von Werbung gibt, ist mir ein Rätsel.

“… zum Teil wird sie von Unternehmen oder Agenturen finanziert oder mit Flügen und Übernachtungen partiell unterstützt.”

Ich mache ein Bekenntnis: Ich habe ein wenig geschnüffelt. PR Agenturen sind die Schlüssel dieser Community. Die bekommen Aufträge und verteilen die dann. Man braucht da aber nicht Reichweitenmessungen oder wissenschaftliche Dinge erwarten. Da kann es mitunter sein, dass ein Blog mit genau 10 Beiträgen über einen kostenlosen Flug berichtet. Teilweise schreiben die Mitarbeiter der PR Agenturen selbst Reiseblogs, wo dann Aufträge anderer Agenturen verarbeitet werden, oder es sind Redakteure von Zeitungen, die selbst einen Reiseblog publizieren. Mitunter ist das eine vollkommen geschlossene Gesellschaft. Prinzipiell heißt es als Reiseblogger Klinkenputzen. Ständig präsent sein und immer wieder mit der Hochglanz-Pressemappe hausieren gehen. Irgendeine PR Agentur wird schon anbeißen und was hergeben.

“… das Problem, dass sich mittlerweile einige Blogger ihre Leser kaufen …”

Mit den Zahlen muss man nachhelfen. Die PR Agenturen möchten am liebsten einen Blogger mit der Reichweite von 200 Millionen deutschsprachigen Lesern. Es sprechen aber nur 100 Millionen Menschen Deutsch. Wir werden auch bald den Punkt erreichen, wo YouTuber 20 Milliarden Abonnenten haben werden, bei der Anzahl von 7,5 Milliarden Menschen auf dieser Erde. Da müsste jede Oma, jeder Säugling und noch 12,5 Milliarden andere Accounts einen YouTuber abonnieren. Vielleicht hat man da ein wenig nachgeholfen. Das könnte ja möglicherweise sein.

Irgendwie denkt mir der FAZ Artikel nicht weit genug. Ein bloßes Abschreiben von Pressemappen hätte ich nicht erwartet. Aber es gilt: Ein Click ist ein Click, auch bei der FAZ.